Eisschnellläuferin Anschütz-Thoms beendet Karriere
18. Juli 2010, 12:14 Seit Monaten steht ihr Entschluss fest, drei Tage nach Anni Friesingers Rücktritt hat sie ihn nun öffentlich gemacht: Mit der «ewigen Vierten» Daniela Anschütz-Thoms sagt auch das zweite «Golden Girl» des deutschen Eisschnelllaufs den eisigen Hallen adieu.
Stets stand sie im Schatten von Anni Friesinger oder Claudia Pechstein, der ganz große Wurf gelang ihr aber im Team. «Ich bin die Weltmeisterin der vierten Plätze», entfuhr es Daniela Anschütz-Thoms daher im März nach den Mehrkampf-Weltmeisterschaften in Heerenveen. Es war das letzte Rennen einer großen Karriere.
«Der Rücken tut weh, das Knie zwickt, der Kopf war leer. Und irgendwann muss ich ja auch mal an die Familie denken», begründete die 35-jährige Doppel-Olympiasiegerin in der Team-Verfolgung im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa ihre Entscheidung. Gefragt nach den Sternstunden ihrer über 20 Jahre dauernden Karriere muss sie nicht lange nachdenken. «Das waren zwei. Aber ganz klar: Das Gold von Turin steht noch ein bisschen höher als das von Vancouver, weil es mein erster großer Sieg war», erinnert sie sich. Dennoch sei das Olympia-Gold im Februar nach den atmosphärischen Störungen und dem dramatischen Sturz von Friesinger «ein kleines Wunder» gewesen.
Von den «Golden Girls», die 2006 in Turin das erste Team-Gold in der Olympia-Geschichte erkämpften, ist jetzt nur noch die gesperrte Claudia Pechstein übrig geblieben. «Das wäre der Oberhammer, wenn sie bei der WM in Inzell noch mal oben ankommt. Ich fände das genial», meinte Anschütz-Thoms, die im Gegensatz zu Friesinger nie einen Hehl daraus machte, dass sie Pechsteins Strafe als zutiefst ungerecht ansieht. Die Sperre der Berlinerin läuft am 8. Februar 2011 ab, bei der WM im März wäre sie mit 39 Jahren wieder startberechtigt.
Schwarze Stunden gab es einige bei Daniela Anschütz-Thoms: 24 Mal landete sie bei Olympia, WM, EM und Weltcups auf dem undankbarsten aller Plätze. Geradezu einen Schock erlitt sie aber am 17. Februar. «Ich war in so toller Form: Und dann um 3/100 Sekunden am Podest vorbeizulaufen, das wurmt mich noch heute», gibt sie zu. Auch in Vancouver hatte es über 3000 Meter nur zu Platz vier gereicht. «Blech-Marie», titulierte der Boulevard.
Zu unrecht: Denn neben ihren zwei Team-Gold-Plaketten landete die Erfurterin bei WM und EM immerhin sechsmal nicht neben, sondern auf dem Treppchen. Bei Europameisterschaften wurde sie 2005 und 2009 Zweite, 2010 Dritte, bei der Allround-WM 2003 in Göteborg gleichfalls Dritte. Bei Einzelstrecken-Weltmeisterschaften gewann sie 2005 Team- Gold und 2007 über 3000 m Bronze. «Das waren Leistungen, die in der Öffentlichkeit nicht immer richtig gewürdigt wurden», sagt DESG- Präsident Gerd Heinze.
Im Verband haben sich nach dem Doppel-Rücktritt die Sorgenfalten vertieft. «Der Übergang wird sich nicht euphorisch vollziehen», fürchtet Heinze, für den Anschütz-Thoms eine «Persönlichkeit war, die dem deutschen Eisschnelllauf sehr gut getan hat. Wir wären glücklich, wenn wir mehr davon hätten. Respekt und tiefe Verneigung». Cheftrainer Markus Eicher sieht es ähnlich: «Es ist bitter, die wichtigsten Leute zu verlieren. Ich hätte sie gern bei der WM dabei gehabt. Jetzt müssen die Jungen einspringen.»
Viel Verantwortung liegt dabei nun bei «Schützis» Heimtrainer Stephan Gneupel, der mit den Erfolgen von Stephanie Beckert und Anschütz in Vancouver zum Mehrkampf-Bundestrainer aufgestiegen ist. «Das wurde schon das Auge nass», meinte er, als der Rücktritt Realität wurde. «Wenn man eine solche Athletin seit der zehnten Klasse betreut, ist der Abschied eine sehr emotionale Geschichte.» Bis Ende 2011 bleibt Anschütz in der Sportfördergruppe und absolviert im August ein Praktikum beim Stadtsportbund. Ab September beginnt sie eine achtmonatige Ausbildung für Büro-Management. Nachfolgerin von Gneupel möchte sie nicht werden. «Ich kann mir einen Job im Sport vorstellen, aber nicht als Trainerin», sagte sie.
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